Start

… Seine Werke entstehen mit und aus der Musik. Durch sie kann die Zeit ein Gesicht bekommen, sie macht etwas aus ihrer Gleichgültigkeit und sie lässt Räume in uns entstehen. Die Musik ist das Lebens- und Schaffenselixier dieses Malers, mit ihr betritt er seine Bildwelt. Manchmal wird eine Musik explizit zum Thema, so in dem Stelenzyklus „Les Corps Glorieux“ und in den Bildern „La Nativité du Seigneur“, beides Werke zu Kompositionen von Olivier Messiaen. Implizit ist die Musik in allen Arbeiten Johann P. Reuters vorhanden. Man kann sagen, dass der kreative Impuls für diesen Künstler von der Musik ausgeht. …

Claudia Breinl

Aktuell

10. Dezember 2018 bis Januar 2019
2. Version (Entwurf) des Bilder-Zyklus La Nativité du Seigneur“ nach dem gleichnamigen Orgelwerk von Olivier Messiaen + Orgelkonzert in der St. Jakobikirche, Coesfeld in Kooperation mit dem Kunstverein Münster.

Mit »La Nativité du Seigneur« begründete der junge Olivier
Messiaen im Jahr 1935 seinen Ruhm als bedeutendster Orgelkomponist des 20. Jahrhunderts. Der Zyklus ist eine Symbiose aus christlicher Mystik und musikalischer Avantgarde, eine fremdartige, berührende Weihnachtsmusik, die nichts Sentimentales an sich hat. Auratische, ferne Sphären erklingen in Messiaens Komposition, der eigene Tonskalen und eine besondere Metrik einsetzt. Ein quasi kosmisches Hörerlebnis stellt sich ein, Raum und Zeit sind aufgehoben. In Kapitel mit thematischen Überschriften ist Olivier Messiaens Zyklus unterteilt.
Doch so wenig Messiaen seine Musik illustrativ verstand, so wenig liegt Illustratives in der Schaffensweise des Malers Johann P. Reuter. Er ist ein profunder Hörer der Musik Olivier Messiaens und hat sich malerisch immer wieder mit den großen christlichen Werken Messiaens auseinandergesetzt. Sein Erleben von Musik führt ihn unweigerlich zu Farben und Strukturen, zu individuellen Farbwelten. Dass auch Messiaen bestimmte Klänge mit Farben verband, macht eine geistige Verwandtschaft zwischen den Künstlern aus.
Schon vor 30 Jahren hat Reuter zu »La Nativité du Seigneur« einen Bilderzyklus geschaffen. Waren es damals dunkle Zeichen, skripturale und geometrische Elemente vor rötlich-braunen wolkigen Hintergründen schwebend, so hat sich beim aktuellen Werk die Farbpalette radikal verändert: er nutzt nun Kontraste von rot, blau und gelb, strahlende Farben und leuchtende Flächen, die dem freudigen und festlichen Anlass einer Weihnachtsmusik entgegenkommen.
Den neun Sätzen der Komposition folgend, gibt es neun Bilder. Wie auf einer imaginären Notenlineatur bewegen sich die Bildtafeln auf und ab und fangen so etwas von dem Rhythmus der Musik ein und vom An- und Abschwellen der Lautstärke. Die unterschiedlichen Tafelformate sind um eine große Mitteltafel symmetrisch angeordnet. Dieses goldene T-Kreuz in seiner ruhigen prachtvollen Erscheinung bildet den ruhenden Pol und Höhepunkt des Ensembles.
Die Formate ordnen sich beidseitig der Kreuzform spiegelbildlich, jedoch die Farbräume der Bildtafeln variieren. Die gegenüberliegenden Bildpaare nehmen zwar aufeinander Bezug, behalten aber ihre Eigenständigkeit, so wie die Sätze der Komposition selbständige Einheiten bilden und zugleich einen gemeinsamen Werkcharakter tragen.
Messiaen hat die »Nativité du Seigneur« in unterschiedlich
charakterisierte Kapitel differenziert, doch verharren alle in einem Bereich der Entrücktheit und rufen eine losgelöste Gestimmtheit hervor. Durch den Maler wurde die flüchtige Wirkung der Klänge in Materie transformiert, – Leinwand, Öl, Acryl und Gold, – das Vergängliche hat einen Halt gefunden in handfesten Materialien.
Dabei ist es Johann P. Reuter gelungen, trotzdem das Schwebende und Verschwimmende der Musik zu erhalten und in assoziativer Freiheit das Heitere und Beglückende der Komposition in seinen Bildern aufscheinen zu lassen.
Claudia Breinl